Im Rausch der Magersucht

Im Rausch der Magersucht

Beim Wort Sucht kommen einem Dinge, wie Alkohol, Drogen oder Spielsucht in den Sinn. Auch wenn im Wort Magersucht das Wort Sucht enthalten ist, wird es von vielen Menschen nicht so betrachtet bzw. verstanden.Im Rausch der Magersucht gefangen.

„Die frisst einfach nur nix“

– Leider ist es nicht ganz so einfach.

Ich kämpfe seit fast 10 Jahren gegen diese Sucht an, oft bin ich stärker, manchmal schwächer. Oft wünsche ich mir, wieder 10kg leichter zu sein und im gleichen Moment weiss ich, wie verheerend die Auswirkungen auf mein Leben sein würden. Mein Kampf gegen meinen eigenen Körper hat schon früher begonnen, schon vor 20 Jahren. Kritisch wurde es erst in den letzten 10 Jahren und seit erst ein paar Jahren versuche ich aktiv gegen die Magersucht anzukämpfen. Alte Muster abzulegen. Normal zu essen. Essen nicht als Feind zu betrachten. Mich selbst zu lieben und zu akzeptieren.

Was geht im Kopf einer Essgestörten vor?

Ich knall da jetzt mal ein paar verstörende Gedanken hin. Also..in meinen schlimmen Phasen der Magersucht drehte sich mein gesamtes Leben um:

  • Wie sehe ich aus?
  • Bin ich dick?!
  • Was darf ich heute noch essen?
  • Wie viele Kalorien hat das?
  • Wenn ich das jetzt esse, dann muss ich später noch Sport machen!
  • Was denken andere Leute über mich?
  • Bin ich wohl knochig genug?
  • Was muss ich tun, um das Gewicht zu reduzieren?
  • Was sagt die verdammte Waage?
  • Wie sieht das Outfit aus – sieht man wie fett ich bin?
  • Wo bekommt man Pillen zum Abnehmen her?
  • Welche Pillen wirken tatsächlich?
  • Ist kotzen eine Option für mich?
  • Wie viele Tage kann ich ohne Essen auskommen?
  • Kann ich meine Körpermitte mit beiden Händen umgreifen?
  • Sieht man Rippen?
  • Sehe ich wohl krank aus?
Im Rausch der Magersucht
2011

Das verstörende daran war – ich wollte krank aussehen, ich wollte das man es sieht und ich wollte auf gar keinen Fall gesund wirken. Gesund = dick. Das klingt so dumm, aber genau diese Gedanken hatte ich – jeden Tag. Mein Leben drehte sich nur um meinen Körper – wie ich aussehe und wie schlank/dick ich bin. Jeden Tag auf die Waage, jeden Tag hungern. Über einen großen Zeitraum kaum Nahrung aufnehmen und sich selbst und anderen etwas beweisen. Stark sein und Kontrolle zu haben.

Aber warum?

Ich wollte schön sein. Ich wollte unangreifbar sein. Perfekt. Niemand soll etwas an mir aussetzen können. Ich dachte dadurch werden mich Menschen mehr lieben und mich akzeptieren. Leider ist das nicht so, weil Menschen werden immer etwas finden, was ihnen nicht passt – egal ob dick, dünn, groß, klein, schlau oder dumm..

Niemand ist perfekt und das muss man sich immer wieder vor Augen halten.

Warum ist der Ausstieg nur so schwer – im Rausch der Magersucht

Ich versuche meine Balance zu halten. Diese Gedanken nicht zuzulassen. Oft gelingt es, manchmal nicht. Ich habe immer noch Angewohnheiten, die auf eine Magersucht schliessen lassen, obwohl ich viel und gesund esse und mich die meiste Zeit wohl in meinem Körper fühle.

Eine meiner Angewohnheiten (ist mir selbst erst vor ein paar Tagen aufgefallen/bewusst geworden) ist es mich täglich am Morgen im Spiegel zu checken. Sehe ich dicker aus, als am Vortag? Hierfür gehe ich zu allen 3 Spiegeln in meiner Wohnung und checke mein Spiegelbild. Manchmal taste ich mich noch ab und achte darauf, ob ich irgendwo Knochen spüren kann. Erschreckend. Ich weiß nicht genau, wieso ich es tue, aber es fällt mir schwer, damit aufzuhören und das obwohl es mir seit Jahren eigentlich viel besser geht.

Auch beim Essen gibt es Momente, die für viele Menschen ganz normal sind, aber für mich ein riesiges Problem darstellen. Person XY hat Lust auf Pizza und bestellt sich eine. Ich überlege Tage (ohne Scheiß), ob ich mir eine Pizza bestellen soll und welche Auswirkungen es auf mich haben wird. Ich sorge mich und zerbreche mir den Kopf darüber. Nicht immer, aber sehr oft.

Ob diese Gedanken und bestimmte Angewohnheiten jemals verschwinden werden?

Ich glaube fest daran. Für all jene, die ein ähnliches Problem haben oder sich noch in der Spirale befinden – es wird besser.
Aber es wird nur besser, wenn man es auch wirklich will. Das Problem dabei ist? Es fühlt sich wie ein Rausch an, es fühlt sich gut an und gleichzeitig so beschissen. Für einen gesunden Menschen ist das völlig unverständlich, aber man sollte niemals darüber urteilen, wenn man nicht selbst diesen Weg gegangen ist. 

Im Rausch der Magersucht gefangen zu sein ist nicht einfach. Kein Tag ist einfach. Auch die Nächte nicht. Man zerbricht sich den Kopf und kann kaum klar denken. Wie auch? Man hat ja ständig Hunger (obwohl das Hungergefühl nachlässt) und der Körper ist laufend auf Sparflamme und versucht irgendwie den Tag zu überstehen.

Warum erzähle ich das? Weil es vielleicht mehr Bewusstsein schafft. Weil es Betroffene helfen könnte und weil es kein Tabuthema sein sollte. Ich war immer ehrlich und möchte es auch weiterhin sein und auch die nicht so schönen Erfahrungen mit euch teilen.

Ich habe meine Krankheit gut im Griff und nicht umgekehrt. Ich werde noch Zeit brauchen, aber ich glaube fest daran irgendwann dieses Kapitel schließen zu können. Seid lieb zu euch selbst – eure Nina.