Ich sehe was, was du nicht siehst

Ich sehe was, was du nicht siehst

Es wird an der Zeit ein bisschen ehrlicher zu sein. Habe schon sehr lange nichts mehr über das folgende Thema geschrieben, obwohl ich sehr offen darüber sprechen kann, aber dennoch bin ich damit vorsichtiger geworden. Ich sehe was, was du nicht siehst.

Mein Kampf mit dem eigenen Körper

Fast mein gesamtes Leben war ich auf Diät. Habe mir Lebensmittel verboten, wenig gegessen, nichts gegessen, Pillen zum Abnehmen geschluckt, meinen Körper gehasst, gequält und ihn durch schlechte Gedanken genährt. Mit dem Glaubenssatz „Ich bin nicht genug und nicht liebenswert“ habe ich mich Jahr für Jahr mehr gehasst. Mein Verhältnis zum Essen hat sich deutlich gebessert – ich achte sehr auf meine Ernährung und versuche mir immer etwas Gutes zu tun. Keine Verbote mehr und auch kein Hungern. Ich würde meinen, mir geht es gut.

Mir selbst etwas vorgemacht?

Nur leider ist das nicht ganz so die Wahrheit. Mir geht es meistens gut, wenn in meinem Leben alles gut läuft. Aber sobald irgendeine Krise anrollt, wird auch mein Essverhalten dadurch gestört. Habe die Krankheit zwar im Griff und nicht sie mich, aber dennoch muss ich mir selbst eingestehen, das ich noch lange nicht geheilt bin. Ich glaube, man kann von dieser Sucht auch nicht geheilt werden. Es kann immer einen Auslöser geben, der einen rückfällig werden lässt – wo man seine guten Glaubenssätze, Vorsätze und Gedanken über Board wirft und wieder in alte Muster verfällt. Eine Essstörung ist vergleichbar mit einer Alkoholsucht, Nikotinsucht oder Drogensucht. Man sucht ein Ventil, mit dem man seine Traurigkeit, den Stress, Zorn oder die Einsamkeit abbauen kann. Wie ich schon mehrmals betont habe: Ich sehe was, was du nicht siehst und das macht die Sache nicht unbedingt leichter.

Es fühlt sich wie ein Rausch an, der einen an seine Grenzen bringt – körperlich und geistig. Ein Spiel und Kampf mit sich selbst, bei dem man sich und anderen Menschen etwas beweisen möchte. Täglich auf die Waage, Gedanken über Essen, Körper und Gewicht von früh bis spät. Kein Tag ohne das man an sein Gewicht denkt. An die Dinge, die man bereits gegessen hat und die man vielleicht noch essen könnte. Täglich den Körper abtasten, ob nicht doch ein Gramm zu viel auf den Rippen ist, mehrmals auf die Waage und nicht auf den Sport vergessen. In meinem Kopf drehte sich alles nur um diese Themen. Akzeptiert zu werden, unangreifbar zu sein – niemand kann einen kritisieren und für sein Aussehen verurteilen.

Totaler Schwachsinn, denn egal wie man es auch macht, man wird es nie jedem Recht machen können. Soll man auch nicht. Man muss sich selbst lieben können und dieser Prozess bzw. diese Erkenntnis hat bei mir sehr lange gedauert.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ein verzerrtes Selbstbild. Wenn ich mich im Spiegel oder auf Fotos betrachte, dann sehe ich eine Frau, die an allen Ecken ein paar Kilos zu viel hat. Diese Gedanken begleiten mich seit fast 2 Jahrzehnten und es ist anstrengend – für mich und auch für andere. Das Problem daran ist? Ich kann’s nicht einschätzen und das was andere Menschen sagen hat für mich in diesem Fall wenig Wert, denn sie könnten mich ja belügen oder haben einfach ganz andere Vorstellungen von dünn und dick. Ihr wisst was ich meine? Ein Teufelskreis, ein Hamsterrad aus dem man nur sehr schwer ausbrechen kann.

Ausstieg aus meiner Magersucht?

Liebe zu sich selbst, Liebe zu anderen Menschen und die Liebe am Leben zu bleiben. Das Leben zu genießen, in vollen Zügen. Positive Gedanken zu haben, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren und die Tatsache erkennen, dass man nur dieses eine Leben hat und man keine weitere Chance geboten bekommt. Die Wertigkeit für sich selbst muss steigen. Man ist gut wie man ist. Man muss nicht besser sein, man muss nicht perfekt sein und schon gar nicht muss man es für andere Personen sein.

Leichter gesagt als getan. Ich weiß. Dieser Prozess ist harte Arbeit. Tägliche Arbeit und ich kann nur sagen, es wird leichter und irgendwann wacht man morgens auf und denkt nicht nur an Kalorien, die Zahl auf der Waage und wie viele man heute noch essen darf. Irgendwann findet man sich sexy, irgendwann freut man sich riesig auf Essen und das ohne böse Gedanken dabei zu haben. ABER eben nicht immer. Der Grat ist schmal und ich muss wirklich sehr aufpassen, denn bei persönlichen oder auch beruflichen Problemen fällt es mir umso schwerer in Balance zu bleiben.

Was tue ich gegen diesen Drang – Essstörung und Ansichtsstörungen?

Was mache ich anders als früher? Wie arbeite ich an meinem Problem? Im laufe der Jahre habe ich versucht für mich Lösungen für mein Problem zu finden. Wie schon oben erwähnt – mir geht’s großteils gut und ich esse normal – kein Grund zur Sorge 😉 .

  • Soulfood – ich esse Dinge, die meinem Körper gut tun und verbiete mir keine Lebensmittel mehr
  • Yoga
  • Meditation
  • Sport
  • Positive Gedanken
  • Glaubenssätze festigen wie: Ich bin genug. Ich bin liebenswert.
  • Ich schreibe Tagebuch
  • Gehe täglich in die Natur
  • Höre auf meinen Körper und versuche schlechte Gedanken auszublenden
  • Umgebe mich mit lieben Menschen
  • Bücher lesen – Essstörungen, Persönlichkeitsentwicklung..
  • Ich sehe was, was du nicht siehst – mitschreiben, was man sieht und sich darüber Gedanken machen, warum man sich selbst nicht so sehen kann

Ich versuche das Beste für mich und meinen Körper zu tun. Meine Seele mit guten Dingen zu nähren und ihr ein schönes Zuhause zu geben.

Durch diese Punkte wird es besser, doch die ultimative Lösung habe ich leider noch nicht gefunden. Mich erreichen viele Mails oder Nachrichten von traurigen und verzweifelten Frauen, die ein ähnliches Problem haben und eine Lösung von mir fordern bzw. wünschen. Doch leider kann ich euch nur die oben genannten Tipps geben. Ich kann euch auch sagen: Ihr seid mit diesem Problem nicht alleine. Ihr müsst aufhören euch mit anderen Menschen zu vergleichen und ihr müsst euch täglich gut zureden. Euch lernen zu lieben.

War alles eine Lüge?

Nee, denn ich sehe was, was du nicht siehst und das kann man schlecht mit einer Lüge vergleichen. Ich habe diesen Blog damals ins Leben gerufen, weil ich anderen helfen wollte und sie bewahren wollte vor solchen Problemen. Wollte euch zeigen, wie man auf gesunde Weise seine Ziele erreicht, seine Gesundheit verbessert und ein glückliches Leben führen kann. Nichts davon war gelogen. Alles worüber ich in den letzten Jahren geschrieben habe, habe ich auch tatsächlich gemacht. Ich habe alle Gerichte gegessen, war beim Sport, habe Yoga praktiziert, meditiert und versucht ein glückliches Leben zu führen. War mir auch sehr lange Zeit sehr, sehr sicher von meiner Essstörung geheilt zu sein und habe es selbst nicht mitbekommen, das ich mich noch immer im Kreis drehe.

Wie gesagt, mein Essverhalten ist normal, aber die Gedanken gehen nicht vollkommen weg. Die Ansichtsstörungen gehen nicht weg. Ich habe gelernt damit zu leben, besser umzugehen und bin dennoch positiv gestimmt, irgendwann vielleicht doch ein ganz natürliches Verhältnis zu mir selbst zu haben. Denn ich liebe mich selbst, aber leider eben nicht immer. Nicht immer das, was ich sehe. Ich bin diesem Ziel näher gekommen, aber wie ich schon sagte – bei Problemen legt es in meinem Kopf einen Schalter um und ich muss mich sehr anstrengen nicht erneut in alte Gewohnheiten abzurutschen.

Ein langer und mühsamer Prozess, aber es lohnt sich. Man darf nicht aufgeben. Seid stark, glaubt an euch und irgendwann wird sich alles zum Positiven wenden.